27.10.2019
Nach insgesamt 15 Stunden Flug von Frankfurt über Amsterdam nach Quito kam ich ziemlich zerknautscht auf dem neuen, sehr modernen Flughafen in Ecuador an. Ich hatte im Flugzeug einen Fensterplatz und konnte beim Landeanflug das Ausmaß der Hauptstadt in Augenschein nehmen. Die Stadt liegt langgezogen zwischen zwei Bergketten, ähnlich wie Jena, nur in etwas anderen Dimensionen 😉.
Glücklicherweise kam mein Koffer auch an – das ist schon eine kleine Freude, weil ja nicht selbstverständlich. Und dann stand auch schon ein Taxifahrer mit einem Zettel mit meinem Namen parat um mich zu meinem Hotel zu bringen. Wir fuhren eine dreiviertel Stunde über Autobahnen und Avenidas. Am Ortseingang von Quito musste der Fahrer 60 Centimos ( entspricht etwa 60 EutoCent) „Eintritt “ bezahlen. Das ist jedesmal so, wenn man in die Stadt hineinfahren will.

Mein Hotel ist klein, im südamerikanischen Stil und sehr hübsch.
Alles andere muss ich morgen erkundigen. Bin hundemüde und gehe gleich ins Bett.
Montag, 28.10.2019
Ausschlafen bis um sechs klingt zwar komisch, aber wenn man bedenkt, dass ich gestern schon um sieben ins Bett gegangen bin, ist es doch reichlich Schlaf.
Nach einem sehr guten Frühstück mit Eiern, Joghurt, frischer Ananas und Papaya machte ich mich auf den Weg zur Galeria de Ecuador, wo der Bus für die gebuchte Stadtrundfahrt abfahren sollte. Zunächst lief ich zweimal an der Galeria vorbei, weil ich annahm, ein Bauwerk mit solch einem Namen müsse groß und prächtig sein und ins Auge fallen. Es war aber ein kleines Haus, eher wie ein Wohnhaus. Der Bus und ich haben uns dann doch noch gefunden. Die kleine Reisegruppe bestand aus je einem Paar aus Brasilien und Costa Rica ,dem Reiseführer ,dem Fahrer und mir. Der Bus brachte uns zunächst zur Basilika del Voto Nacional, der größten neugotischen Kirche Amerikas.
Dann fuhren wir ins historische Stadtzentrum, das wir zu Fuß erkundeten. Das Zentrum bildet, wie bei allen Städten, die irgendwann mal was mit Spanien zu tun hatten, die Plaza Grande. Der Platz strahlt viel Ruhe und Beschaulichkeit aus, was mich verwundert hat. Ich hätte ein lebhaftes Treiben und Lärm erwartet. 
An einigen Stellen sind noch Relikte der gewaltsamen Demonstrationen von vor zwei Wochen zu sehen.
Die Kirche de la Compañía de Jesús ist ein barockes Schmuckstück allererster Sahne. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Barockkirche gesehen. Trotz Fotoverbot ist es mir gelungen, die Pracht im Bild festzuhalten.
Ein weiterer Höhepunkt war der Ausblick vom Panecillo, einem 3035 Meter hohen Berg, auf dem eine Statue, die Jungfrau von Quito steht.
Das ist sie allerdings nicht 😉.
Am Nachmittag fuhren wir zum Mitad del Mundo, einem Ausflugsort am Äquator. Dort gibt es Museen und es werden kleine Experimente , die angeblich nur am Äquator funktionieren, gezeigt. Es hat, denke ich, eher was mit dran Glauben, als mit echter Wissenschaft zu tun, aber es ist ganz lustig.
Mit einem Bein auf der Nord- , mit dem anderen Bein auf der Südhalbkugel!
Dienstag, 29.10.2019
Heute wollte ich hoch hinaus. Die ersten paar hundert Höhenmeter schaffte ich mit dem Taxi bis zur Talstation des Teleférico, einer Gondelbahn. Taxifahren ist in Ecuador relativ preiswert. Für die etwa 15 minütige Fahrt habe ich fünf Dollar bezahlt . Das entspricht etwa fünf Euro. Für 8,50$ brachte mich die Gondel bis auf 3950 m ( und später auch wieder zurück). Hier auf dem Cruz Loma war es ganz schön frisch. Die Sonne war heute ohnehin ein bisschen zurückhaltend und viele Gipfel der die Stadt umgebenen Berge hatten Wolkenmützen auf. Trotzdem war die Sicht gut und der Ausblick umwerfend.
Atemberaubend war nicht nur der Ausblick. Bei einem kleinen Spaziergang zu einem Aussichtspunkt mit Schaukel bekam ich die Höhe deutlich zu spüren. Die gewohnte Wandergeschwindigkeit hielt ich nicht lange durch, besonders, wenn es bergauf ging.
Nach einer Verschnaufpause in einem Café fuhr ich mit der Gondelbahn wieder hinunter und mit dem Taxi zum Museo Nacional, das zusammen mit der Casa de la Cultura, einem Kino und einem Theater in einem runden Glasbau untergebracht ist. Das Nationalmuseum zeigt Kunst aus der gesamten Geschichte Ecuadors von den Anfängen bis zur Gegenwart in sehr schönen Räumlichkeiten. Es ist erst vor kurzem nach einem längeren Umbau wiedereröffnet worden.
Noch mehr moderne Kunst gab es nebenan, in der Casa de la Cultura. Ich war sehr angetan von den Sachen, die dort hingen. Die Namen der Künstler hatte ich noch nie gehört (Oswaldo Guayasamin, Eduardo Kingman, Camilo Egas). Leider war die Präsentation nicht so schön, wie im Nationalmuseum, aber vielleicht wird das ja auch mal neu gemacht.
Neugierig geworden, machte ich mich am späteren Nachmittag dann noch auf den Weg ins Museo Guayasamin. Es gibt dort zum einen ein wunderschönes Bildermuseum mit Werken ausschließlich von Guayasamin und zum anderen sein Wohnhaus, voll mit Kunst, die er gesammelt oder selbst geschaffen hat. Er hat das Haus als Stiftung dem Ecuadorianischen Volk hinterlassen und man kann es im Rahmen einer Führung besichtigen. Das gesamte Areal ist ein einziger Kunstgenuss, dazu noch herrlich gelegen, mit Blick auf die Stadt.
Unter anderem wurde Paco de Lucía von Guayasamin porträtiert.
Am Abend war dann Rucksackpacken angesagt. Nach so viel Kunst ist dann mal Natur dran: es geht für zwei Tage in den Nationalpark Cotopaxi. Morgen früh um sieben geht es los.
Mittwoch,30.10.2019
Zu meiner Überraschung traf heute früh am meeting point kein Bus ein, sondern ein Auto und der Fahrer und Reiseleiter Victor lud nur noch zwei junge Männer aus Costa Rica ein. Damit war unsere Reisegruppe komplett.
Wir einigten uns auf spanisch als Konversationssprache, was auch ganz gut funktionierte, weil sich alle Mühe gaben, langsam zu sprechen. Ich muss schon sagen, mit ein bisschen gutem Willen von Seiten der spanisch sprechenden Fraktion komme ich ganz gut klar. Allerdings gibt es auch Leute, die verstehe ich einfach nicht, z.B. die chica an der Rezeption des Hotels: sie kann es zehn mal wiederholen – keine Chance. Und wenn sie es dann auf englisch probiert, ist es noch schlimmer. Dabei guckt sie einen immer an, wie ein Eichhörnchen, so dass ich lachen muss.
Wir fuhren nun also los, erstmal durch den dicksten morgendlichen Verkehr durch die Innenstadt. Man macht sich als Europäer keine Vorstellung, was sich da abspielt. Ich habe ja schon Florenz erlebt, was wirklich schlimm genug ist, und Mexiko, aber das hier ist einfach unglaublich!
Nach einer dreiviertel Stunde hatten wir es geschafft: wir waren auf der Panamericana und fuhren in Richtung Süden aus der Stadt hinaus. Am Eingang des Nationalparkes musste man sich registrieren, damit man vermisst wird, wenn man sich verläuft. Wir fuhren dann mit dem Auto in Richtung Cotopaxi, dem mit 5897m zweithöchsten Berg Ecuadors. Er ist ein noch aktiver Vulkan, war heute aber ganz ruhig, d.h. so ganz genau kann man das garnicht sagen. Der Gipfel war nämlich den ganzen Tag lang in Wolken gehüllt, und was er dann ganz oben so trieb, blieb uns verborgen. Tja, das war ein bisschen schade, dass er sich nicht mal für einen Augenblick enthüllt hat.
Wir ließen dann das Auto auf einem Parkplatz auf 4658m Höhe stehen und liefen zum Refugio José Ribas, das sich auf 4864m befindet. Das hört sich jetzt bestimmt ganz lässig an, war aber wirklich nur im Schneckentempo mit vielen Pausen zu meistern. Auch die chicos aus Costa Rica schnauften um die Wette. Der einzige, der nebenbei noch reden konnte, war unser Gide. Wir brauchten eine dreiviertel Stunde. Dabei erlebten wir fast jedes Wetter, was möglich ist: Sonne, Regen, Wind, Graupel, Schnee.
Jedenfalls, muss ich sagen, war meine Kondition nicht schlechter, als die der jungen Männer. Einer der beiden hatte sogar ein Sauerstofffläschchen mit, an dem er immer mal inhalierte. Was es alles gibt!
Nach einer kleinen Verschnaufpause in der Hütte bei einem Coca-Tee gegen die Höhenkrankheit ging es flott über ein Feld aus Vulkanasche bergab. Man rutschte mehr als dass man lief. Es war ein bisschen wie Skifahren.
Bei einer Sache habe ich dann allerdings gekniffen, und jetzt wird Peter den Kopf schütteln über seine Mutter: Als besonderes Highlight war die 18km lange Abfahrt bis zu einem kleinen See mit Mountainbikes vorgesehen. War jetzt nicht so mein Ding, hab ich die Jungs alleine machen lassen.😉
Die Wolken verdichteten sich nun und es setzte Regen ein, als wir zur Chuquiragua-Lodge fuhren, um dort ein spätes Mittagessen einzunehmen. Diese Hacienda ist auch mein Domizil für diese Nacht. Ich blieb also hier, während die Jungs wieder nach Quito gefahren sind. 

Es gibt wenige Schlafgäste in der Hacienda, genau gesagt vier. Der „Spa“- Bereich war trotzdem in Betrieb, so dass ich heute auch noch in den Genuss einer Sauna kam. Wer hätte das gedacht: Sauna in Ecuador!
Donnerstag, 31.10.2019
Nach dem Frühstück wurde ich von einem kleinen Bus abgeholt. Darin saßen schon eine junge Frau aus der Schweiz mit einem Mann aus Bolivien und einem anderthalbjährigen Kind und ein Paar aus Barcelona. Es gab einen Fahrer und den Reiseleiter.
Die Fahrt ging zunächst durch kleine Ortschaften auf kleinen holprigen Straßen, so richtig zum Wachwerden. Die Häuser in den ländlichen Gebieten sehen sehr ärmlich aus. Oft sind sie wirklich winzig – dagegen wirken deutsche Wochenendhäuser mitunter fast wie Paläste. Gelegentlich musste unser Bus anhalten, weil die Straße dicht war.
Nach einer Stunde machten wir einen Halt in einem größeren Ort, wo ein Wochenmarkt stattfand. Ich wurde bei der Vielfalt und der Exotik der angebotenen Dinge sehr an die Märkte in Mexiko erinnert.
Nach einer weiteren Stunde hatten wir unser Ziel erreicht: die Quilotoa-Lagune. Dabei handelt es sich um einen Kratersee in einer Caldera von ca 3 km Durchmesser. Durch Mineralien hat der See je nach Sonnenschein eine türkis- bis smaragdgrüne Farbe. Es gibt einen Rundweg, der auf dem Kraterrand entlang führt und fünf Stunden dauert. Dabei ist eine langsamere Wandergeschwindigkeit berücksichtigt, weil der Weg auf ca 3900 m Höhe verläuft. Ein weiterer Weg führt hinab vom Kraterrand zum See.
Man sieht an Kleidung und Frisur: es war frisch und windig.
Da die Aussicht von oben natürlich am besten ist, entschied ich mich dafür, einen Teil des Rundwegs zu laufen . Die gesamte Umrundung war aus Zeitgründen nicht möglich. Das ist eben der Nachteil von solchen Gruppenveranstaltungen. Aber in diesem Fall überwiegen doch die Vorteile: nicht für Geld und gute Worte würde ich in Ecuador Auto fahren!
Ich könnte noch mindestens zwanzig Bilder von der Lagune hochladen, eins schöner als das andere.
Die Rückfahrt nach Quito dauerte drei Stunden, so dass es schon dunkel war, als wir auf der Panamericana von oben in die Stadt hineinfuhren und wir das Lichtermeer wie bei einem Landeanflug betrachten konnten.
1.11.2019
Die heutige Tour startete bereits um 7:00. Der Treffpunkt war ca 10 min. zu Fuß von meinem Hotel entfernt. Auf den Straßen war es heute außergewöhnlich ruhig – es ist Feiertag in Ecuador: Tag der Toten. Aber ein paar Überbleibsel von der gestrigen Halloween-Nacht stürzten noch betrunken herum, in einigen Straßen sah es aus, wie bei uns am 1.Januar und aus einem Restaurant drang noch Partymusik und Gegröle. Dafür gab es heute auf den Straßen nicht diesen Wahnsinnsverkehr. Wir kamen schnell aus der Stadt heraus und fuhren Richtung Norden nach Mindo. Mindo liegt ca 15 km Luftlinie vom Stadtrand von Quito entfernt. Da es aber weder Brücken noch Tunnel gibt, müssen alle Täler durchfahren werden und so braucht man, je nach Verkehr, mindestens zwei Stunden. Der strahlend blaue Himmel von Quito bewölkte sich zunehmend und als wir an unserem Ziel ankamen, zogen Nebelschwaden durch die Wälder – kein Wunder: wir waren im Nebelwald von Mindo.
Meine Reisegruppe bestand heute aus vier Frauen: zwei aus den USA, eine Studentin aus Frankfurt und ich. Ich hatte schon die schlimmsten Bedenken, dass bei dieser Konstellation nur englisch gesprochen würde, aber zu meinem großen Glück waren die beiden Amerikanerinnen in Ecuador, um spanisch zu lernen und hatten etwa mein Sprachniveau. Unser Guide und Fahrer war auch sehr bemüht, langsam zu sprechen und sich einfach auszudrücken. Auf der Fahrt hörten wir viel Wissenswertes über Ecuador und natürlich auch über unser heutiges Reiseziel.
In Mindo machten wir zunächst einen Stop an einer Schmetterlingsfarm. Hier gab es nicht nur schöne Falter, sondern auch herrliche Pflanzen, wie im Tropenhaus im Botanischen Garten, nur eben im Freien. Sie hatten dort auch eine Lockstation für Kolibris eingerichtet, die aus Behältern mit Zuckerlösung bestand, was nicht nur Kolibris, sondern auch Insekten anlockte. Außer Kolibris konnten wir noch viele andere Vögel beobachten. Die meisten waren sehr schön farbig, blau oder gelb.
Die Fahrt ging nun weiter, aus Mindo heraus und immer tiefer in den Wald hinein, wo wir zunächst mit einer Seilbahn über eine große Schlucht schwebten, um auf der anderen Seite des Tals eine Wanderung durch den Nebelwald zu unternehmen. Das Ziel waren zwei Wasserfälle. Der Wald erinnerte mich sehr an die Wälder auf La Palma: feucht, exotische Bäume, Farne und Blumen. Das Klima hier im Nebelwald ist, obwohl ja so dicht an Quito gelegen, völlig anders, als dort. Durch die tiefere Lage ( nur etwa 1000 Höhenmeter ) herrscht hier feuchtes, warmes Klima und dementsprechend ist die Vegetation subtropisch. Die Reisebeschreibung hatte auch Tiere, besonders farbige Vögel, versprochen. Die konnten wir leider nicht entdecken. Wir hörten lediglich welche, aber ob sie farbig waren, konnten wir dem Gesang nicht entnehmen.
Nach dem Mittagessen in Mindo besuchten wir noch eine Schokoladenmanufaktur, wo wir interessante Dinge über die Kakaobohne, die Verarbeitung zum Kakaopulver und die Herstellung von Schokolade hörten und sahen. Während der Führung konnten wir verschiedene Schokoladensorten probieren, eine heiße Schokolade trinken und einen Brownie aus 100%iger Schokolade essen. Am meisten beeindruckt hat mich allerdings das Aussehen und der Geschmack einer frischen Kakaobohne. Die ist weiß und etwas glitschig, ähnlich wie eine Lychee, schmeckt auch ein bisschen so, also fruchtig, und wenn man den großen Kern zerbeißt, kommt ein violett- bräunliches Innenleben zum Vorschein, leicht bitter. Für Ecuador ist der Kakaoexport ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Anbaugebiete haben aber mit Mindo nichts zu tun. Die befinden sich eher im Süden und Westen des Landes.
Während wir im Schokoladenhimmel schwebten, hatte der Himmel über Mindo seine Schleusen geöffnet und ein tropischer Regen hatte eingesetzt. Das störte uns jetzt aber nicht mehr, denn wir fuhren nun zurück nach Quito.
2.11.2019
Der Regen hat auch das Abendwetter in Quito bestimmt und die ganze Nacht angedauert. Aber heute morgen war wieder das typische Quito– Wetter: heiter bis wolkig und angenehme Temperaturen um die 20 Grad. Das sind nun die letzten Stunden in Quito. Heute Nachmittag geht mein Flug nach Loja. Ich packte meinen Koffer und hatte dann noch Zeit, bis mich das Taxi zum Flughafen abholte. Von einer Studentin aus London, die ich auf der Chuquiragua-Lodge kennengelernt habe, hatte ich erfahren, dass es unweit von meinem Hotel einen Markt für in Ecuador hergestellte Dinge gibt. Den wollte ich mal ein bisschen durchstöbern.
Der Weg dorthin dauerte etwa 15 min. zu Fuß. Die Straßen in diesem Viertel La Mariscal sind irgendwie nicht sehr belebt, obwohl es das Hotelviertel der Stadt ist. Mir begegneten kaum Menschen, was schon ein komisches Gefühl ist, in so einer großen Stadt. An den vergangenen Tagen hatte ich das der frühen Tageszeit angerechnet, aber heute war es schon 9:00 und trotzdem nichts los. Es gibt in diesem Stadtviertel auch nicht sehr viele Geschäfte, und die wenigen hatten heute früh meistens noch geschlossen. Vor dem Markt standen Polizisten. Das ist überhaupt auffällig in Quito, die Präsenz der Polizei. Aber ich muss sagen, das vermittelt einem schon ein gewisses Gefühl von Sicherheit.
Der Markt hatte feste Stände, deren Angebot sich wiederholten. Es reichte von Schmuck über Keramik, Ledersachen, Kleidung aus Alpaka-Wolle, Schokolade, Kaffee, Hüte bis zu allerlei Klimbim, den man Souvenirs nennt. Es war ein buntes Treiben, aber recht geordnet, extra für Touristen hübsch eingerichtet. Der Tourismus in Ecuador ist erst im Entstehen und als Einnahmequelle für das Land sehr wichtig. Man hat inzwischen schon erkannt, dass es wichtig ist, dass sich die Gäste sicher fühlen, damit sie wiederkommen.
Ich erstand also auf dem Markt einen wunderschönen Alpaka-Pullover, kuschelweich und mit einem landestypischen Muster und noch einige Mitbringsel.
Bevor mich das Taxi abholte, hatte ich noch Zeit für ein Mittagessen. Direkt gegenüber meines Hotels gibt es eine Cevicheria, die ich noch ausprobieren wollte. Das ist also ein Restaurant, in dem es Ceviche ( und andere Meerestier- Gerichte) gibt. Ceviche ist roher Fisch, der mit Limettensaft und Salz mariniert wird. Dadurch wird das Eiweiß denaturiert und der Fisch ist nicht mehr roh, ähnlich dem Matjes bei uns, der allerdings nur in Salz eingelegt wird. Ceviche schmeckt durch die Zitrone eher säuerlich und fruchtig, nicht so scharf wie Matjes. Sehr lecker! Ich war allerdings der einzige Gast 🙄. Ich hoffe sehr fürs Land, dass das kein Dauerzustand ist und dass der wenige Betrieb, der mir auch bei den Ausflügen nach Cotopaxi und Mindo aufgefallen ist, vielleicht doch den gewaltsamen Demonstrationen vor drei Wochen geschuldet ist. Sicherlich haben einige Touristen ihre Reise deswegen abgesagt. Es ist ja angenehm, wenn das Land nicht so touristisch überlaufen ist, aber wenn die Existenz vieler Menschen daran hängt, dass der Tourismus floriert, ist es natürlich wichtig, dass die Urlauber kommen.
Überpünktlich holte mich dann das Taxi ab und brachte mich zum Flughafen. Der Flug dauerte nur 50 Minuten. Leider war es die ganze Zeit über sehr bewölkt, so dass ich nichts von den Anden sehen konnte, so wie ich erhofft hatte. Erst als wir wieder unter den Wolken waren, sah ich auf eine wunderschöne bergige Landschaft. Der Flughafen ist eher ein Flugplatz, ganz winzig, aber es gab ein Gepäckband.
Als ich den Koffer hatte, hielt ich Ausschau nach meinem von der Missionsklinik geschickten Abholer. Ich hatte zur besseren Erkennung extra mein FCSM- T-Shirt angezogen. Das nutzte leider nicht viel, weil keiner zur besseren Erkennung da war. Ich wartete noch eine halbe Stunde und versuchte in der Zwischenzeit jemanden von der Clinica zu erreichen, was aber nicht gelang. Ich kam mit einer jungen Frau, die ebenfalls auf ihren Abholer wartete, ins Gespräch. Als ein Polizist sagte, ich könne jetzt nicht hier allein rumstehen, das sei zu gefährlich, aber in der Zwischenzeit alle Taxis weg waren, bot sie mir an, vorerst mit zu ihr zu fahren und von dort aus alles weitere zu regeln. So machten wir es. Sie wohnt auf einem Dorf in der Nähe von Loja und betreibt auf einer Finca Avocado- Anbau. So kam ich in den Genuss, mal ein ecuadorianisches Haus von innen zu sehen. Es war sehr hübsch eingerichtet, in relativ hohem Standard, sicher nicht repräsentativ für ein normales Haus in Ecuador. Isabel organisierte dann für mich ein Taxi über eine Freundin, das mich ans gewünschte Ziel brachte. Das war nochmal eine ziemliche Gurkerei von drei Stunden. Gut durchgeschüttelt wegen der schlechten Straßen kam ich in Guadalupe an. Der Pfarrer, der die Missionsklinik leitet, hatte mit mir heute noch nicht gerechnet. Er dachte, ich käme am 10.11. an. Deshalb war auch niemand am Flughafen. Das war ihm natürlich sehr unangenehm und er machte sich gleich daran, mir eigenhändig ein Abendbrot zuzubereiten. Mein Kollege Torsten, der in den letzten Wochen in der Clinica gearbeitet hat, half ihm dabei und versorgte mich gleichzeitig mit den wichtigsten Informationen. Nun werde ich aber erstmal schlafen. Alles Weitere morgen!
3.11.2019
Als ich aufwachte empfing mich ein herrlicher Ausblick auf die wolkenverhangenen Berge. In der Küche gab es schon reges Treiben. Carlos, eine Architekt aus Loja, der in der Missionsklinik viel gebaut hat und noch baut, kochte Reis und machte Rührei mit Wurst. So herzhaft wird in Ecuador gefrühstückt. Ich blieb aber lieber bei Toastbrot mit Marmelade. Torsten war schon dabei einen Kuchen zu backen. Er machte mich mit José Manuel aus Gran Canaria bekannt, der seit einigen Wochen hier in der Klinik als Optiker arbeitet. Das Frühstück wird hier traditionell auf der Terrasse eingenommen. So kann man den Tag gleich mit dem Blick auf die herrliche Natur beginnen.
Carlos, José Manuel und Torsten aus Zeitz 😉 v.l.n.r.
Später gesellte sich noch Antonio hinzu, ein Augenarzt aus Madrid, der fließend deutsch spricht. Heute, am Sonntag, haben alle frei, und der Plan war, einen Ausflug zu einem Wasserfall zu unternehmen. Carlos kennt sich hier in der Gegend gut aus und hat ein Auto, mit dem wir bis zum nächsten Dorf fahren konnten, wo die Wanderung beginnen sollte. Wir hatten alle Gummistiefel dabei, die man sich hier ausleihen kann. Die Empfehlung von Carlos war, ohne Strümpfe in die Stiefel zu steigen. Er meinte, man würde mit Strümpfen zu sehr schwitzen und die Strümpfe wären dann nass. Da ich keine Erfahrung mit Wanderungen in Gummistiefeln habe, nahm ich das mal so hin. Eigentlich, dachte ich, müssten doch auch meine Wanderschuhe gehen, aber ich war froh, mich dann doch für die Gummistiefel entschieden zu haben. Zunächst mussten wir über eine Hängebrücke über den Fluss. Der Weg führte den Berg steil hinauf und zwar in einem Bachbett, das mal mehr, mal weniger Wasser führte und mitunter so schlammig war, dass man mit den Stiefeln versank und Mühe hatte, den Fuß aus dem Morast wieder zu befreien. Es war ähnlich, wie bei einer Wattwanderung. 😉
Die Landschaft war wunderschön, eine herrliche Vegetation. Wir kamen an kleinen Bauerngehöften vorbei, die natürlich auch nur über diesen Pfad zu erreichen waren. Unvorstellbar, wie sowas geht!
So gut der Tipp mit den Gummistiefeln war, dort barfuß reinzuschlüpfen war keine gute Idee. Nach einer halben Stunde hatte ich mir eine Blase gelaufen, die ganz schön schmerzte. Wir trafen auf einen Bauern, der uns sagte, zum Wasserfall brauchten wir noch eine Stunde. Als José Manuel für sich entschied umzukehren, beschloss ich das gleiche zu tun. Noch zwei Stunden in den Stiefeln – das wäre nicht gegangen! Wir stiegen also wieder hinunter, während die anderen drei ihren Weg fortsetzten. Wir wollten unterdessen unten im Dorf auf sie warten. Ein Stock, den mir der Bauer mit einer Machete zurechtschnitt, erleichterte den Abstieg. Gelegentlich ging ein Regenschauer nieder, dann kam wieder mal die Sonne zum Vorschein.
Als wir zum Auto kamen, bemerkten wir, dass wir einen Platten hatten. Die Menschen hier in der Gegend sind unglaublich hilfsbereit. Als wir da so standen und ein bisschen bedröppelt auf den Reifen schauten, kamen gleich welche angelaufen und wollten helfen. Ein Ersatzrad gab es aber nicht. Die nächste Werkstatt war drei Km entfernt. Die Entscheidung, was zu tun war, musste Carlos treffen. Wir vertrieben uns die Zeit in einer der Straßenküchen, die es hier ganz häufig gibt, nicht nur im ländlichen Raum, auch in Quito habe ich viele gesehen. Sie bieten meist nur zwei, drei Gerichte an, sind sehr preiswert und lecker. Heute gab es Hühnchen und Yucca und dazu einen frisch gepressten Zuckerrohr-Orangensaft – hmmmm! 
Es verging Stunde um Stunde, die drei kamen nicht zurück. Eigentlich wollten wir um halb eins zum Mittagessen bei den Missionsschwestern sein. Um zwei beschlossen wir, mit dem nächsten Bus Guadalupe zu fahren. Die Entscheidung war goldrichtig, denn die Wanderung der drei dauerte noch… sie brauchten nämlich nicht nur eine Stunde, sondern zweieinhalb bis zum Wasserfall. Bis das mit dem Auto dann geklärt war, war es dunkel, nach sechs trafen sie erst wieder in Guadalupe ein. Es muss unheimlich anstrengend gewesen sein, weil der Weg immer schlechter wurde. Zum Teil sind sie auf allen vieren gekrochen. Da war ich doch irgendwie froh, dass mir das mit der Blase dazwischen gekommen ist 😉 Aber die Fotos vom Wasserfall waren sehr schön!
Die Schwestern hatten das Mittagessen für uns aufgehoben: es gab Ceviche! Wunderbar!
4.11.2019
Heute war mein erster Arbeitstag. Schon als ich kurz nach sechs wach wurde, standen die ersten Patienten vor der Praxis. Die weitaus meisten allerdings wollen zum Augenarzt, der im selben Gebäude behandelt.
Nach dem Frühstück ging ich mit Torsten in die Kleiderkammer, um mir Praxiskleidumg auszusuchen und um acht wurde das Consultorio aufgeschlossen. Die Patienten strömten herein und mussten sich alle an der Rezeption anmelden. Meine Zahnarzthelferin Lida erschien kurz nach acht und begrüßte mich sehr herzlich. Sie bereitete kurz einige Dinge vor und dann ging es auch schon los. Die erste Patienten war ein Mädchen mit vier kariösen Zähnen. Ich behandelte alle vier. Sie war geduldig und tapfer. 
Dann ging es Schlag auf Schlag: Füllungen legen, Zähne ziehen, Wurzelbehandlung machen… Die ecuadorianischen jungen Menschen haben viele kariöse Zähne. Das sieht schon anders aus, als bei uns. Ein fünfjähriger Junge kam mit ziemlich runtergegammelten Milchbackenzähnen. Da war nicht mehr viel zu machen. Obwohl in den Richtlinien der Clinica steht, dass möglichst die Behandlung in einer Sitzung abgeschlossen werden soll, müssen einige Patienten wiederkommen. Alle defekten Zähne heute zu behandeln wäre zeitlich nicht möglich gewesen. Naja, sagen wir mal so: prinzipiell wäre es schon möglich, aber hier herrscht einfach mal ein anderes Arbeitstempo und der Laden kommt mir ziemlich unorganisiert vor. Natürlich herrschen hier andere Bedingungen als bei uns . Aber manches würde wirklich einfacher und effizienter gehen. Aber ich will nicht gleich am ersten Tag Verbesserungsvorschläge anbringen. Das steht mir nicht zu und kommt sicher auch nicht gut an. Ich werde mich also in Zurückhaltung üben und geduldig sein ( meine Helferinnen in Stadtroda würden sich über diesen Satz sicher kaputtlachen).
Jedenfalls scheint Lida eine kompetente Zahnarzthelferin zu sein, die auch ein paar Brocken deutsch und englisch kann. Die Kommunikation funktionierte gut, auch mit den Patienten. Lida half weiter, wenn mein spanisch an seine Grenzen stieß.
Der Arbeitstag ging heute bis halb sechs, mit einer Stunde Mittagspause. Mittags wurde für die Volontarios gekocht. Es gab Yucca, Reis, Thunfisch, Bananensuppe ( aus Kochbanane – nicht süß) und zum Nachtisch Götterspeise. Es war alles sehr lecker.
Abends gab es die Reste und einen Smoothie aus Erdbeeren, Mango, Maracuja und Ananas. Es gibt hier einen Mixer und in der Speisekammer immer frische Früchte .
Abends hatte ich ein witziges Gespräch mit drei Schwesternschülerinnen, die auch in der Residencia wohnen. Sie werden bald nach Deutschland reisen und hatten viele Fragen. Ich habe Fotos gezeigt, und sie waren im Glück. Für meine Verhältnisse ziemlich zeitig ging ich ins Bett. Es war doch irgendwie ganz schön anstrengend heute. 😉
Dienstag, 5.11.2019
Pünktlich um acht war ich am Eingang der Praxis, umgeben von vielen Patienten, die auf Einlass warteten. Meine deutsche Pünktlichkeit muss ich hier noch ablegen, sonst warte ich zu viel, und das ist ja nicht gerade eine Stärke von mir. Also, irgendwann nach acht kam dann jemand, der die Praxis aufschloss, die Patienten strömten wie gestern herein und stellten sich alle brav zum Anmelden an. Lida musste noch Instrumente einräumen und diverse andere Vorbereitungen treffen. Die Zeit nutzte ich, um die Bohrer zu sortieren, die in einem heillosen Durcheinander in zig Schächtelchen steckten. Nun habe ich zwei Schachteln mit den Bohrern, die ich brauche. Alles andere habe ich in die Schubladen verbannt. Hätte ich geahnt, wie schlecht die Qualität der Bohrer und Schleifer ist, hätte ich meine ausrangierten Bohrer von zu Hause mitgenommen, die wären allemal noch besser gewesen. Da haben wir in der Praxis nämlich eine Box, die heißt Kuba, weil ich vor neun Jahren schon mal eine Box mit ausrangierten Bohrern mit nach Kuba genommen habe. (Wir sammeln einfach weiter, falls mal wieder jemand nach Kuba fährt. 😉) Die hätte mir jetzt gute Dienste geleistet. Na, vielleicht findet die Box noch ihren Weg nach Ecuador.
Heute habe ich fast nur Füllungen gemacht. Das Publikum war sehr gemischt, aber vorwiegend jung, also bis 30 Jahre alt. Wir haben bis 16:30 gearbeitet und 17 Patienten behandelt.
Nach Feierabend bin ich in das Schwesternhaus gegangen, weil bei uns in der Residencia und in der clinica das Wlan z.Z. nicht geht. Im Schwesternhaus sollte es gehen, wurde mir gesagt, und nach einigen Versuchen mit verschiedenen Passwörtern, war ich dann drin im Netz und konnte meinen Blog hochladen. Ohne Internet fühlt man sich hier doch ein bisschen abgehängt. So saß ich in der Küche bei den Hermanas und hörte ihren Gesprächen beim Kochen zu, verstand natürlich fast nix, aber es war trotzdem schön. Zur Zeit herrscht ein wenig Aufregung in der Missionsklinik, weil der Bischof zu Besuch ist. Wahrscheinlich haben wir Volontäre morgen mittag die Gelegenheit mit ihm zu essen.
Heute Abend, jedenfalls, hatten uns die Schwestern zum Abendessen eingeladen. Es gab Reis, eine Art Bolognese, zwei verschiedene Suppen und etwas Frittiertes, von dem ich annahm, es wäre Hühnchen. Ich knabberte an einem Beinchen, wunderte mich schon über die recht zierlichen Knochen und dann sagte der Architekt, es wären Frosch- Schenkel. Ich hielt das erst für einen Witz, aber es stimmte. So ganz subjektiv und ohne Emotionen muss ich sagen, es hat wirklich geschmeckt wie Hühnchen, aber irgendwie war mein Appetit da drauf dann doch gestillt. Es freuten sich alle über mein entsetztes Gesicht und dann nahm die Unterhaltung über ecuadorianische Spezialitäten und Leckereien so richtig Fahrt auf. Der krönende Abschluss des Abends war, dass ich in die Küche gerufen wurde, wo bereits das Fleisch für das morgige Mittagessen mariniert wurde: Cuy (Meerschweinchen ). Nun habe ich bis morgen Mittag Zeit, mir zu überlegen , ob ich es probieren soll oder ob ich morgen meinen vegetarischen Tag habe.
Mittwoch, 6.11.2019
Heute früh ist Torsten, mein Kollege und Vorgänger hier in Guadalupe abgereist. Er wird noch etwas in Ecuador bleiben und dann nach Deutschland zurückkehren.
Das Internet funktioniert leider auf dem gesamten Kliniksgelände nicht gut. Es ist ganz schwach und bricht immer mal weg, so konnte ich bisher den gestrigen Blog nicht hochladen. Mal sehen, ob es heute besser wird.
Heute hatte auch keiner richtig Zeit, sich darum zu kümmern, denn alle waren mit dem Besuch des Bischofs beschäftigt. Er hatte 20 Geistliche im Gefolge, Ecuadorianer, Spanier und Polen. Zunächst gab es einen kleinen Empfang mit Whisky und Käsespießen. Die Volontäre wurden dem Bischof vorgestellt und es wurde etwas geplaudert. Der Bischof ist ein sehr sympathischer Mann, ganz locker und angenehm. Im Schwesternhaus war eine große Tafel eingedeckt, an der alle Platz nahmen. Die Frau des Klinikmanagers und ich waren die einzigen weiblichen Wesen, wenn man von den Schwestern mal absieht, die wie Ameisen wuselig hin und her rannten und die große Runde bedienten. 
Ich bin also drumherum gekommen: außer Meerschweinchen gab es noch Hühnchen und Fisch. Für viele der Gäste war Meerschweinchen ebenfalls sehr exotisch, aber einige probierten es. 
Nach dem Essen wurde ein neuer Teil der clinica durch den Bischof geweiht. Es handelt sich um einen Verkaufsraum für Brillen. Er ist zwar noch nicht fertig, aber die Arbeiter haben ihn in den letzten Tagen soweit hergerichtet, dass man erkennen kann, wie es mal werden soll. Das Thema Brillen ist hier sehr wichtig. Der Optiker José Manuel hat gut zu tun. Zur Zeit benutzt er den zweiten Zahnbehandlungsraum zum Arbeiten.
Nach der Weihe behandelte ich noch ein paar Patienten. Zum Glück war heute nicht so ein Andrang, so dass die lange Mittagspause kein Problem war. Ich habe heute einige Zähne gezogen und Füllungen gemacht, wie an den anderen Tagen auch.
Abends war ich mit den anderen Residencia- Einwohnern im Dorf, wo wir zunächst bei einem Tischler ein Brett für ein Regal in dem neuen Raum aussuchten. Der Tischler ist der Ehemann von Mariana, einer Angestellten in der clinica. Sie haben 10 Kinder und wohnen in einem Haus in Guadalupe. Ich konnte mal einen Blick reinwerfen – es sah alles recht armselig aus, kein Vergleich zu dem Haus der jungen Frau, die mich vom Flughafen mitgenommen hatte. Zu fotografieren habe ich mich nicht getraut.
Wir fuhren danach ins Nachbardorf, um ein Bierchen zu trinken, die beiden Spanier hinten auf dem Pickup drauf. Wir landeten wieder in der kleinen Straßenküche, in der José Manuel und ich so lange auf die Wanderer gewartet hatten. Bier gibt es hier in 1Liter-Flaschen, und es heißt Pilsner. 😊 Die drei Mädels von der Schwesternschule hatten einen ganz schönen Zug drauf – da habe ich gestaunt. Sicher trainieren sie schon für ihren Deutschland- Aufenthalt. 
Donnerstag, 7.11.2019
Mein erster Patient heute morgen war ein junger Mann, der wegen einer Wurzelbehandlung an einem unteren Backenzahn kam. Diese Behandlung hat meine Toleranz sehr auf die Probe gestellt. Ich muss mal voranstellen, dass eine Wurzelbehandlung an einem Backenzahn zu den Königsdisziplinen der Zahnheilkunde gehört. Ein unterer Backenzahn hat normalerweise vier Nervkanäle, die man 1.finden muss, 2.mit kleinen dünnen Feilen in aufsteigender Größe erweitern muss, 3. mit einem Desinfektionsmittel spülen muss und 4. bakteriendicht mit einer Paste und kleinen Harzstiften abfüllen muss. Dafür gibt es nette Maschinchen, in die man kleine Feilen einspannen kann, die diese Nervkanäle dann erweitern ( aufbereiten). Nun stellte sich heraus, dass das einzige Gerät für die Aufbereitung der Wurzelkanäle, das es in der clinica gibt, kaputt ist. Die Instrumente, die mir Lida gab, waren aber allesamt für den Maschinenbetrieb. Es gibt Handfeilen ( haben wir vor 30 Jahren in der DDR auch benutzt – ich habe es gehasst!!!!), aber da wusste Lida jetzt nicht so genau, wo die sind… Wir suchten also und fanden einen großen Karton mit verschiedenen Aufbereitungs-Instrumenten.
Das Kistchen hat schätzungsweise einen Wert von 2000,- Euro ( der größte Teil unbenutzbar, weil keine adäquaten Geräte vorhanden sind ) Daraus suchte ich mir erstmal das, was ich brauchte, zusammen. Für eine ordentliche Wurzelbehandlung fehlten trotzdem entscheidende Dinge, sodass es eine sehr unbefriedigende Angelegenheit wurde. Ich habe mich ziemlich gequält ( den Patienten glaube ich nur insofern, als dass er unheimlich lange den Mund aufhalten musste- aber auch das ist natürlich Quälerei.) und konnte letztendlich nur mäßige Qualität abliefern. Das hat mich sehr geärgert. Die Behandlung hat alles in allem zwei Stunden in Anspruch genommen, einschließlich Zusammensuchen der Arbeitsmaterialien. In meiner Praxis brauche ich für dieselbe Behandlung eine dreiviertel Stunde. Ich finde, man sollte in den Ansprüchen bzw. Anforderungen klarer sein. Wenn wir deutsches Niveau haben wollen, müssen die Arbeitsbedingungen dafür da sein. Wenn dies nicht geht, muss man sagen, gehen eben gewisse Behandlungen auch nicht. Alles Andere erzeugt Frust beim Behandler und ist auch gegenüber den Patienten nicht zu vertreten. Immerhin bezahlen sie Geld dafür.
Ach ja, darüber habe ich noch garnicht geschrieben. Die Behandlung ist für die Patienten nicht kostenlos. Sie bezahlen Sehr wenig im Vergleich zu einer Behandlung bei einem normalen niedergelassenen Zahnarzt, aber für viele ist es trotzdem viel Geld. Hier mal ein paar Beispiele: für eine Füllung, egal ob Amalgam oder Kunstoff, ob groß oder klein, ob ich dafür fünf Minuten brauche oder eine Stunde, zahlen die Patienten fünf Dollar, ein Zahn ziehen 5$, Wurzelbehandlung unterer Backenzahn 50$! Das Geld bekommt die Missionsklinik, die das Gehalt der Zahnarzthelferin bezahlt ( Lida bekommt 400,-$ im Monat – nur mal zum Vergleich: da kann sie sich an allen 8 Backenzähnen eine Wurzelbehandlung machen lassen, dann ist das Geld alle! ), die Zahnarztpraxis im Grunde genommen betreibt und für mich Essen und Unterkunft bezahlt. Viele Materialien kommen als Spende aus Deutschland. Aber 50,-$ , das ist hier viel Geld. Dafür haben die Patienten Anspruch auf Qualität, und nicht auf das, was eben unter diesen Umständen so zu machen geht -um mal den Bogen wieder zum Ausgangspunkt zu spannen. Ich habe mir vorgenommen, darüber mit dem Oberhäuptling des FCSM zu sprechen, wenn ich wieder zu Hause bin. Und ich habe heute zu Lida gesagt, dass ich keine Wurzelbehandlungen mehr an Backenzähnen mache. 
Nach diesem unerfreulichen Tagesbeginn ging es aber ganz nett weiter, allerdings nur bis Mittag. Mehr Patienten hatten heute keinen Bedarf oder keine Lust. So nutzte ich die freie Zeit, um bei einer Augen-OP zuzuschauen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass ein spanischer Augenarzt mit hier ist. Er operiert oft den grauen Star und hatte mir angeboten, da mal zuzusehen. Es war sehr interessant. Ich habe durch ein Zuschauer- Mikroskop verfolgen können, wie eine neue Linse eingesetzt wird. Dazu habe ich leider kein Foto 😉
Es gab noch etwas tolles heute Nachmittag: in der Residencia wurde ein neuer Router installiert und das Wlan funktioniert jetzt bestens! Jetzt muss ich nicht mehr auf dem Gelände umher rennen und nach einem halbwegs stabilen Netz suchen. Ich hoffe, es bleibt so.
Freitag, 8.11.2019
Heute hieß es Abschied nehmen von den drei Schwesternschülerinnen, die ihr Praktikum in Guadalupe jetzt beenden. Am Nachmittag fanden sie sich aber alle nacheinander in der Zahnarztpraxis ein, um sich von mir behandeln zu lassen. So kam ich sogar in den Genuss, einen schief stehenden Weisheitszahn heraus zu operieren. Hatte ich lange nicht gemacht. War wieder mal ganz nett. 
Nach der Sprechstunde um fünf gab es noch eine kleine, weltliche Einweihungsfeier für den neuen Optikraum. Es waren die Schwestern, die Bauarbeiter, der Architekt, die Freiwilligen und der Klinikmanager anwesend. Es wurden Dankesreden geschwungen, Cidre wurde ausgeschenkt und sie hatten Kleinigkeiten zum Naschen hingestellt. Außerdem wurden der Augenarzt und der Optiker verabschiedet. Ihr Volontariat war zu Ende. Sie waren seit Mitte September hier. Sie fliegen morgen früh zurück nach Spanien. In ein paar Monaten wollen sie nach Afrika, um dort einen mehrwöchigen Arbeitseinsatz zu machen. Dafür sollten sie Medikamente mitnehmen, die hier als Spende angekommen sind, aber nicht gebraucht werden. Es handelt sich um ein Präparat für den Magen. Es war ein großer Karton. Zum besseren Transport im Koffer mussten die Umverpackungen abgemacht und die Blister in kleinere Kartons verpackt werden. Das war dann unsere Abendbeschäftigung.
Nebenbei wurde noch Abendbrot gegessen. Die Köchin stellt immer irgendwas zu Essen in die Küche: Reste vom Mittag und wenn die nicht reichen, macht sie noch irgendwas dazu. Ich verarbeitete gegen den Protest der Männer Obst, was immer reichlich vorhanden ist, zu einem Obstsalat: Apfel, Ananas, Mango, Maracuja, Banane, Orange und Mandarine. Sie hätten am liebsten alles in den Mixer geschmissen und Smoothie draus gemacht, mussten dann aber zugeben, dass der Obstsalat köstlich war.
Samstag, 9.11.2019 – 30 Jahre Mauerfall
Als ich aufwachte, waren die Spanier schon fort. Der Architekt Carlos hatte sie bereits um halb vier in der Nacht zum Flughafen gefahren. Er sagte mir gestern, dass er dann am Nachmittag wieder hier sein würde. Ich hatte heute also das ganze Haus für mich allein. Zunächst musste ich mal Wäsche waschen. Die Waschmaschine ist etwas schwierig zu bedienen, aber irgendwie habe ich es dann doch hingekriegt. Ich machte dann in der Küche ein bisschen klar Schiff. Antonio, der Augenarzt, meinte zwar, auch heute am Samstag würde die Köchin zum Aufräumen und Abwaschen kommen, aber ich glaube, das hat er gar nicht so mitgekriegt, wer hier wann aufräumt und abwäscht. Er war es jedenfalls nicht, 😉. Und ja, sie kam heute nicht. Hätte mich auch gewundert. Hier wird zwar auch Samstag und Sonntag in kleiner Besetzung gearbeitet, aber die Köchin muss ja auch mal frei haben. 
Erstaunlicherweise trocknete die Wäsche relativ schnell. Das hätte ich wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht erwartet. Aber heute wehte sogar ein leichter Wind und es regnete den ganzen Tag nicht ein einziges mal. Das ist in der ganzen Woche nicht vorgekommen. Nach dem Haushaltsprogramm ging ich ein bisschen spazieren, durch das Kliniksgelände und einmal über die Hängebrücke ins Dorf und wieder zurück.
Dann legte ich mich in die Hängematte und las den ganzen Tag, na fast… ab und zu aß ich was oder schlief mal ein wenig.

Sonntag, 10.11.2019
Carlos hatte vorgeschlagen, am Morgen eine Wanderung zu unternehmen. Dazu wollten wir um sieben aufbrechen. Inzwischen weiß ich ja, wie das Zeitverständnis der Ecuadorianer ist. Ich stand also dreiviertel sieben auf und macht schon mal Frühstück. Toastbrot oder anderes Brot gab es nicht. Hier isst man schon zum Frühstück sehr herzhaft, also Reis und Fleisch und Kartoffeln, eigentlich wie ein Mittagessen. Das geht bei mir um diese Uhrzeit noch nicht. Da musste ich mir was anderes überlegen. In der Speisekammer fand ich Eier, Milch und Mehl – Crêpes!! Das war die Lösung! Also legte ich los. In der Zwischenzeit traf eine Anäthesistin ein, die hier zwei Tage in der Woche regelmäßig arbeitet. Sie heißt Maria und kommt aus Venezuela und ist im August mit ihrer Familie nach Quito geflüchtet. Derzeit leben ca 600000 Flüchtlinge aus Venezuela in Ecuador. Das stellt ein großes gesellschaftliches Problem dar, weil die meisten Geflüchteten sehr arm sind und keine Arbeit finden. In Quito sah ich viele, die bettelten oder versuchten, auf der Straße irgendwelche Dinge zu verkaufen. Maria fährt also Samstagabend mit dem Bus von Quito nach Cuenca, dann über Loja und Zamora nach Guadalupe. Dafür braucht sie 13 Stunden. Montag nach der Arbeit fährt sie zurück.
Inzwischen waren auch Carlos und seine Frau wach und die Crêpes waren fertig. Wir frühstückten alle zusammen ( Carlos nahm als Vorspeise den Rest vom Schwein von gestern Abend 😋 ) und halb neun brachen wir dann auf. Vom Wandern waren die beiden abgekommen. Carlos wollte lieber das Auto nehmen. Das war mir auch recht, so war der Radius etwas größer. Wir fuhren zuerst zu einer benachbarten kleinen Siedlung an einem Fluss. Dort gab es ein Volleyballfeld und zwei kleine „Restaurants“. Dem Müll nach zu urteilen, der dort überall rumlag, gibt es sicher Zeiten zu denen es belebter ist, als am Sonntag Morgen. 

Kinderspielplatz
Wir fuhren dann an einem kleinen Wasserfall vorbei durch mehrere Dörfchen. Unterwegs wurden Bananen gekauft.
Die kauft man hier gleich als Staude. Die Bananen sind übrigens neben dem Erdöl und dem Kakao die Hauptexport-Güter. Die Chiquita-Banane kommt aus Ecuador.
In Piuntza schauten wir uns eine Frosch-Farm an. Hier werden Frösche gezüchtet und zum Verzehr verkauft. Es gibt mehrere Becken mit Fröschen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Das wäre das perfekte Ziel für eine Exkursion im Biologie- Unterricht. 
Kurz vor elf waren wir zurück in Guadalupe, gerade rechtzeitig zur Messe. Die Leute strömten schon aus allen Richtungen der Kirche entgegen. Ich warf mich schnell noch in Schale. Hier geht man nämlich ganz schick in die Kirche. Jeder holt sein bestes Kleidungsstück aus dem Schrank. Das sieht natürlich recht unterschiedlich aus. Auffällig viele Indigenas waren beim Gottesdienst. Aber wahrscheinlich stellen die Besucher der Messe ein gutes Abbild der hier lebenden Bevölkerung dar. Die Indianer, die sich einst mit den Spaniern vermischten und deren Nachfahren nennt man Mestizen. In Ecuador leben ca 30% Indigenas, 60% Mestizen und 10% andere (Negros, Mulatos, Blancos). Hier auf dem Land im Süden Ecuadors ist der Anteil der Indigenas höher. Fast alle sind Bauern und leben unter sehr ärmlichen Bedingungen. Die Kinder, die Jugendlichen und die Männer sind meistens schlank, während die Frauen oft rundlich sind. Die Männer haben bis ins hohe Alter volles Haar, das erst spät ergraut und als langer geflochtener Zopf getragen wird. 
Hier sieht man einige dieser schönen Zöpfe. Die Kirche füllte sich dann noch… Die Messe konnte ich als Katholikin gut verfolgen, auch wenn sie auf spanisch war. Der Ablauf war exakt der gleiche wie in einer deutschen Kirche. Die Musik war aber komplett anders. Eine Musikgruppe sang mit Gitarrenbegleitung entweder allein oder die Gemeinde sang mit. Die Lieder hätten als südamerikanische Popsongs im Radio laufen können. Die Predigt war lang und emotional. Der sonst sehr ruhige Priester redete sich in Rage. Verstanden habe ich nicht viel, nur dass es irgendwie um die Beziehung zwischen Mann und Frau ging.
Den Rest des Tages verbrachte ich in der Hängematte, die mir ein liebes Ausspann- Plätzchen geworden ist. Carlos und seine Frau waren wieder nach Loja gefahren. Die venezuelanische Ärztin kam erst gegen sieben aus der Praxis, wo sie Narkosen für HNO- OPs gemacht hatte. Sie war völlig breit und verschwand gleich im Bett. Verständlich, aber schade, ich hätte noch viele Fragen an sie gehabt.
Montag, 11.11.2019
Heute hatte ich einen langen und anstrengenden Arbeitstag. Es kamen viele Patienten mit vielen „Baustellen“. Es gibt hier kein Bestellsystem. Die Leute kommen einfach und warten. Bereits halb neun waren heute alle 18 Patienten da, die dann nacheinander behandelt wurden. Der zuletzt kam, hat also 7 Stunden gewartet. Das ist für uns unvorstellbar, aber hier ist das ganz normal. Die Leute warten so geduldig, ohne schlechte Laune zu kriegen. Es regt sich keiner auf. Wenn Mittagspause ist, gehen wir Mittagessen und kommen erst nach einer Stunde wieder. Kein böser Blick. Zeit spielt hier keine Rolle.
Für die anderen Fachbereiche warten die Patienten im selben Wartezimmer. Da war heute, als ich kam, bereits eine Mutter mit einem Säugling da. Die war nachmittags um drei immer noch da. Vor dem Kliniksgebäude spielten heute früh zwei Kinder, die spielten immer noch, als ich aus der Mittagspause kam, und zwar mit nichts, kein Ball, kein Spielzeug, geschweige denn ein Gameboy oder ein anderes Duddle- Gerät. Die spielten einfach mit sich. Ich habe hier noch nie nervende oder nörgelnde Kinder erlebt. Sie sind mitunter laut, aber weil sie spielen. Und, wenn Erwachsene was sagen, hören sie – phänomenal! 

Heute haben ein HNO- Arzt aus Kuba, der jetzt aber hier in der Nähe lebt, und ein Chirurg aus dem Nachbarort in der clinica Sprechstunde gemacht. Es sind nicht jeden Tag alle Fachärzte anwesend ( außer der Zahnarzt ). Die beiden Ärzte waren dann auch zum Mittagessen dabei. Die verschiedenen spanischen Dialekte macht das Verfolgen von Gesprächen nicht einfacher. Die Venezuelanerin spricht für mein Verständnis am schrecklichsten. Hier in der Gegend sprechen manche Leute deutlich, gut verständlich, die meisten aber nuscheln ziemlich und sprechen sehr schnell. Katastrophal ist es, wenn ich den Patienten frage, ob er Schmerzen hat und der antwortet dann in einem Schwall von nicht enden wollenden Ausführungen über seine Zahnprobleme. Dann schreie ich immer nach Lida, die den Redefluss dann unterbrechen und mir eine kurze, verständliche Zusammenfassung geben muss.
Heute Nachmittag hatte ich noch eine Spezialaufgabe zu erledigen. Eine Patientin kam mit einer zerbrochene Prothese. Nun ist ja zur Zeit kein Zahntechniker vor Ort. Da aber ein Frontzahn abgebrochen war und die Patientin so traurig guckte, als Lida ihr sagte, das geht erst in zwei Wochen zu machen, habe ich mich entschlossen, die Prothese selbst zu reparieren. Sowas hatte ich zum letzten Mal vor etwa 35 Jahren gemacht. Ich wusste nicht mehr so ganz genau, wie das geht. Ich bin dann erstmal ins Zahn- Labor gegangen und habe geguckt, ob alles da ist, was ich brauchen würde. Dann habe ich mich mit meinen deutschen Zahntechnikern in Verbindung gesetzt und die haben mir über WhatsApp eine Anleitung zur Prothesenreparatur geschickt. So ein Einsatz: es war bereits 22 Uhr deutsche Zeit! Dank dem Internet und der heimischen Unterstützung war die Prothese in einer Stunde repariert. Es hat richtig Spaß gemacht und mich an die schöne Zeit im Zahnlabor in Brandenburg vor meinem Studium erinnert. Hoffentlich kommen diese Woche noch ein paar Patienten mit zerbrochenen Prothesen 😀

das Zahnlabor
Dienstag, 12.11.2019
Die Sprechstunde verlief heute in geregelten Bahnen, keine besonderen Ereignisse und Herausforderungen. Ich habe einen Stuhl aufgetrieben, auf dem ich während der Behandlung besser sitzen kann, und mein Rücken freut sich 😊. So langsam haben sich Lida und ich aufeinander eingeschossen. Die Zusammenarbeit klappt gut. Mir gefällt an ihr, dass sie immer gute Laune hat. Oftmals trällert sie irgendeine Melodie, während sie arbeitet.
Zum Mittagessen waren wir heute nur zu viert, drei Schwestern aus der Poliklinik und ich. Es gab eine Suppe mit Schweinefleisch, Weizen und Kartoffeln, außerdem Reis ( der ist obligatorisch ), camote ( Süßkartoffeln aus Peru – die sehen violett aus), Hühnchen, Linsen ( schmecken wie bei uns, nur eigentlich ungewürzt) und Salat aus Roter Beete und Möhren. Es gibt immer eine Vorsuppe. Wenn es eine Creme- Suppe ist, wird dazu eine knusprige Beilage gereicht, entweder Popcorn ( der gleiche, wie bei uns im Kino) oder Chips, manchmal aus Bananen, machmal aus einer Art roter Beete. Beliebt ist auch Mote, weißer geschälter und gekochter Mais- schmeckt eigentlich nach nix.
An Obst und Gemüse kann man hier so ziemlich alles kaufen, was es auch bei uns gibt, sogar Rotkohl 😀 Auf dem Kliniksgelände wächst so viel, dass man hier sicher auch eine Zeit lang überleben würde, wenn mal die Brücke zum Dorf einstürzt: Mais, Ananas, Maracuja, Papaya, Guaven, Naranjillas ( das sind sehr saure, aber auch sehr aromatische Zitrusfrüchte), Bananen. 
Als ich nachmittags aus der Praxis kam, war die Köchin gerade dabei, Empanadas fürs Abendbrot zu machen. Empanadas sind ( in unserem Fall mit Käse) gefüllte Teigtaschen, die in Öl frittiert werden. Wahrscheinlich hat sie damit gerechnet, dass sich spontan noch ein paar Mitesser einfinden, denn mit der Menge hätte man ’ne Fußballmannschaft satt gekriegt. 
Ich habe gleich frisch aus der Pfanne einen schnabuliert – köstlich! Carlos‘ Appetit hielt sich in Grenzen. Er ist total erkältet und trieft aus allen Löchern. Er hat sich trotzdem um Haltung bemüht und mir beim Abendbrot Gesellschaft geleistet. Wir hatten ein gutes Gespräch ( naja, soweit mein Spanisch reichte 🙄) über die Galerien, die ich in Quito besucht habe. Ich hab ihn aber dann ins Bett geschickt. Es fehlt noch, dass ich mir hier diesen Virus auflade!
Und so sieht der Vollmond über Guadalupe aus.
Mittwoch,13.11.2019
Zum Frühstück gab es heute seit Tagen wieder mal Toastbrot, wie schön! Irgendwie war es schwierig, Brot aufzutreiben. Brot ist hier sowieso nicht üblich, weder dunkel noch hell. Das einzige, was es gibt, es ganz weiches Toastbrot.
Nach der Arbeit war heute eine Versammlung angesetzt, die auf der Terrasse der Residencia abgehalten wurde. Ich hatte mich in mein Zimmer zurückgezogen ( es regnete wie aus Kannen), weil ich annahm, da müsste ich nun nicht unbedingt dabei sein. Erstens verstehe ich sowieso kaum, worum es geht und zweitens werde ich bei der Lösung von Problemen eh nicht der kompetente Ratgeber sein sein können. Aber es wurde Wert darauf gelegt, dass ich teilnahm. Es war Kaffee gekocht worden und es gab süße Gebäckteilchen. Es waren die Schwestern der clinica anwesend und der Kliniksmanager samt Ehefrau. Zunächst wurde ein neuer Arzt vorgestellt, ein Gynäkologe, der zukünftig tageweise in der clinica arbeiten soll, ein Ecuadorianer, also kein Volontär. Ein bisschen was verstand ich doch. Er wird auch kleine operative Eingriffe machen, und da ging es insbesondere um die Organisation. Die Schwestern gaben zu bedenken, dass für noch mehr OP- Angebote in der clinica die Kapazität des Steris nicht ausreichen würden. Bei der clinica handelt es sich um eine Tagesklinik, die zwar Betten hat, aber keine Patienten über Nacht dabehält. Es ging auch um Personalfragen, die Schwestern wünschen sich Verstärkung. Das ist natürlich eine Frage des Geldes.
Am Abend war ich mit Carlos im Nachbardorf Piuntza. Es hat vielleicht 1000 Einwohner mit gefühlt einem Durchschnittsalter von 35. Es gibt so viele Kinder! Und alle spielten noch draußen, obwohl es schon dunkel war. Es gibt ein Dorfzentrum mit der Kirche, ein Kulturhaus, eine Sporthalle und einen Markt mit drei Ständen, an denen Schuhe, Kleidung und Naturheilmittel ( Kräuter, Salben, Tinkturen und Räucherwerk gegen alles) verkauft werden.
Natürlich gibt es auch eine Polizeistation.
Die Sporthalle ist eher ein überdachtes Sportfeld. Jedes kleine Dorf hat so eine Sporthalle , und die wird auch viel genutzt. Heute haben die Frauen hier Fußball gespielt.
In der Kirche gab es heute Abend eine Feier mit Gottesdienst, einem Theaterstück über die heilige Isabell und anschließendem Ausschank von Kakao und Gebäck. Ich muss mal sagen, Mittwoch Abend ist in Jena mit seinen 100000 Einwohnern auch nicht mehr los. 

Donnerstag, 14.11.2019
Auf der Arbeit war heute bloß bis mittags ordentlich zu tun und dann – nada, keine Patienten am Nachmittag. Ich weiß nicht, warum, vielleicht gab’s was im Fernsehen oder das Busunternehmen hat gestreikt – keine Ahnung!
Nach fast zwei Wochen Praxiserfahrung kann ich schon mal ein bisschen resümieren, und zwar zu den Unterschieden deutsche – ecuadorianischen Zähne: Der ecuadorianische Backenzahn ist eindeutig fester im Knochen verankert. Hier einen solchen zu ziehen, bedarf schon ziemlicher Kräfte, die ich daheim nicht so einsetzen muss. Des Weiteren gibt es Unterschiede bei der Karies. Der regelmäßige Gang zum Zahnarzt um mal alles durchschauen zu lassen, ist hier eher nicht üblich. Man geht, wenn man selbst ein Loch bemerkt hat, eine Füllung zerbrochen ist oder wenn Schmerzen auftreten. Dadurch kann es sein, dass zum Beispiel sechzehnjährige Jugendliche das erste mal beim Zahnarzt sind und gleich acht kariöse Zähne haben. Die Karies befindet sich dann meistens an den großen Backenzähnen. Andere Zähne sind kaum betroffen. Witzigerweise befindet sich die Karies fast immer zentral im Zahn, in den Fissuren, d.h. in den Vertiefungen der Zähne. Das ist beim deutschen Zahn anders: Hier befindet sich die Karies weitaus häufiger zum Zwischenraum des Nachbarzahnes hin. An sich hat der ecuadorianischen Zahn eine gute Substanz. Aber leider ist der Zuckerkonsum sehr hoch und die Zahnpflege nicht so üblich wie bei uns. Es gibt zwar auch viele Patienten, die Zahnstein haben, aber erstaunlicherweise findet man hier nicht so viel Parodontitis wie in Deutschland. Das kann ich mir nun gar nicht erklären. Vielleicht wird das Zähneputzen doch überbewertet? 🤔
Dieser kleine Patient kam mit 14 kaputten Zähnen! Er war sehr tapfer und hat sich gleich drei auf einmal behandeln lassen ( er hat, soweit wie ich das mitgekriegt habe, von seinem Vater kein Fahrrad versprochen bekommen, so wie wir das schon in Stadtroda erlebt haben 😉 ).
Mit den Kindern kann ich am besten kommunizieren. Die labern nicht soviel rum, wenn ich sie was frage. Meistens antworten sie mit „si“ oder „no“ und das verstehe ich 😃 Ich werde oft mit Interesse beäugt, sehe ich in ihren Augen wohl genauso exotisch aus, wie sie in meinen.
Letztens gab es ein herrliches Sprachmissverständnis. Um in Erfahrung zu bringen, ob die neue Füllung noch zu hoch ist, lasse ich die Patienten zubeißen und fordere sie dazu auf : muerda ( beißen Sie zu)! Ich sagte aber : mierda – und das heißt „Scheiße“. Die Patientin guckte erst irritiert und dann lachten sie und Lida lauthals los.
Den freien Nachmittag habe ich vorwiegend mit Lesen verbracht. Es ist schön, dass ich hier mal wieder zum Lesen komme. Ich habe bereits das dritte Buch angefangen. Zu Hause beiße ich mich monatelang an einem fest.
Freitag, 15.11.2019
Jeden Nachmittag kommen zwei Kinder um den Abfalleimer für die Schweine abzuholen. Der Müll wird hier in der Residencia getrennt. Es gibt einen Schweine-Eimer, einen für verbrennbaren Müll und einen für den Restmüll. Der Müll, der sich verbrennen lässt, wird direkt vor Ort in einem kleinen Öfchen abgefackelt, sozusagen in einer eigenen Müllverbrennungsanlage. Das stinkt dann nicht so ganz gesund.
Mit dem Biomüll werden also Schweine gefüttert. Heute habe ich die Kinder gefragt, ob sie mir mal zeigen, wo die Schweine leben. Das haben sie getan. Sie haben ihren Stall etwa 300m hinter dem Missionsgelände. Es gibt eine große Sau und viele kleine Ferkel.

Am Abend hatten sich die Schwestern vorgenommen, in der Residencia Lasagne zu machen. Der Geburtstag von Mariana war der Anlass. Sie hatten mich schon die ganze Woche über nach Zutaten und Mengen gefragt und kamen mit einem großen Einkauf an. Keine von ihnen hatte bisher Lasagne gemacht. So war ich gewissermaßen der Chefkoch. Jede schnippelte, rührte oder schichtete. Nebenbei wurde lautstark gesungen, Bier getrunken, geschnattert, gelacht – es war wie in einem südamerikanischen Hühnerstall.
Samstag, 16.11.2019
Am Vormittag fuhr ich mit Carlos in die Kreisstadt Zamora, um Sonja, eine deutsche Zahnärztin und ihren Mann Claudio abzuholen, die nach der Landung mit dem Flugzeug in Loja mit dem Bus bis hierher gefahren waren. Die beiden gehören zu den Urgesteinen in der Missionsklinik. Es ist ihr siebenter Aufenthalt in Guadalupe und sie werden für zwei Monate bleiben. Sie sind schon Rentner, daher ist es kein Problem für sie so lange hier zu sein. Eigentlich sind sie eine Woche zu früh, aber das macht nichts, sie machen eben ein bisschen Urlaub, ehe es mit der Arbeit losgeht. Sonja hat auch angeboten, dass sie gern schon mal ein paar Stunden arbeitet, wenn ich mal keine Lust habe und lieber frei machen will oder dass sie mich unterstützt, wenn es mal zu viele Patienten sind. Wir werden sehen. Claudio ist kein Mediziner. Er kümmert sich um verschiedene Sachen, wenn er hier ist: unter anderem bringt er Computer zum Laufen, fungiert als Dolmetscher für amerikanische Ärzte und verkauft Brillengestelle. 
Jedenfalls kennen die beiden den Laden von Beginn an und haben schon fleißig aus dem Nähkästchen geplaudert ( einen ganzen Abend lang ).
Sonntag, 17.11.2019
Zum Frühstück kam die venezuelanische Anästesistin wieder aus Quito angereist. Sie macht heute wieder Narkosen für den HNO- Arzt.
Schon um acht saßen drei Frauen im Schatten der Kirche, um für die Messe Blumenschmuck herzustellen. Sie hatten Berge von frischen Blüten, die sie zu einem herrlichen Kunstwerk verarbeiteten.
Heute war blauer Himmel und Sonnenschein, wie ich es bisher hier noch nicht erlebt hatte. Die Sonne brannte schon am Morgen, so dass Sonja und ich uns entschlossen, ein Bad im Fluss Kantzama zu nehmen. Den erreichten wir nach einem halbstündigen Spaziergang. Das Wasser war ganz klar und angenehm ( aber nicht zu ) kühl. Der Fluss ist recht flach, so dass Schwimmen gar nicht möglich ist. Die Strömung ist allerdings so stark, dass auch Stehen fast nicht geht. Wir kletterten vorsichtig über die glitschigen Steine, manchmal auf allen Vieren, hielten uns gut an den Steinen fest und fanden dann irgendwo ein schönes Plätzchen, wo das Wasser , ähnlich wie in einem Whirlpool, angenehm sprudelnd den Körper massierte. Uns begegneten kaum Leute. Lediglich die Polizei kam mit dem Auto angefahren, parkte es am Ufer und wusch es im Fluss sauber -Ecuadorianische Autowaschanlage. 😀
Entlang des Flusses gab es unheimlich viel Schmetterlinge in den prächtigsten Farben, die aufgeregt umherflatterten. Es gelang mir leider nicht, sie zu fotografieren, weil sie sich nie hinsetzten.
Als wir zurück zur Redsidencia kamen, war geschäftiges Treiben in der Küche: Kati, die Frau des Kliniksmanagers traf Vorbereitungen für’s Mittagessen. Es sollte Ceviche geben, diesmal nicht mit Fisch , sondern mit Krabben. Ich bot ihr gleich meine Hilfe an, so konnte ich hautnah erleben, wie sie die Ceviche zubereitet. Es wurde ein köstliches Mittagessen, zu dem noch Ärztinnen aus der clinica erschienen, so dass wir eine große Runde waren. Die vierjährige Tochter von Kati hatte schnell einen Narren an mir gefressen. Ich musste wieder und wieder deutsche Kinderlieder singen und mit ihr Hoppe-Reiter machen.

Das Mittagessen zog sich bis zum Nachmittag hin und nachdem alle aufgebrochen waren, unternahmen Sonja und ich noch einen Spaziergang. Ich bin sehr froh, dass sie jetzt hier ist. Sie hat auch, wie ich, immer Lust zum Laufen, so dass wir zusammen gehen können. Ihr Mann Claudio läuft nicht gern, deshalb ist sie ebenfalls froh, Gesellschaft beim Laufen zu haben.
Am Abend konnte ich der Ärztin aus Venezuela noch die Fragen stellen, zu denen ich letztes Wochenende nicht mehr gekommen bin. Sie arbeitet also auf Honorarbasis in der Klink und wird bald öfter hiersein. Sie hat jetzt eine Wohnung in Zamora gefunden und wird mit ihrer Familie umziehen. Sie hat uns Fotos von der Wohnung gezeigt. Sie sieht sehr modern aus, eigentlich wie bei uns, mit Einbauküche, Bad und Terrasse.
Montag, 18.11.2019
Am Montagmorgen um halb acht erschallt die Nationalhymne Ecuadors, und zwar vom Schulgelände, was sich in Sicht- und Hörweite zur Residencia befindet. Es ist so eine Art Fahnenappell ( für alle in den 90ern geborenen oder nicht ost-sozialisierten Leser: bei einem Fahnenappell mussten die Schüler in der sozialistischen Polytechnischen Oberschule auf dem Schulhof in Reih und Glied antreten, langweiligen Reden lauschen, Lieder singen und die Pionierfahne hissen. ).
Gestern Abend haben wir uns das Schulgelände mal näher angesehen. Es standen z.T die Fenster auf, so dass man einen Blick hineinwerfen konnte. Die Schüler tragen hier übrigens Schulkleidung. 
Interessant fand ich die Toiletten, die so gebaut sind, dass die Entsorgung nicht erst umständlich über Kanalisation, sondern direkt in den Fluss erfolgt. 
Heute waren sehr viele Patienten da. Bis kurz vor sechs habe ich 33 Füllungen gelegt, 7 Zähne gezogen und zwei Wurzelbehandlungen gemacht. Das schwül-heiße Wetter gestern setzte sich heute fort und mir zu, weil es in der Praxis unerträglich warm wurde, so dass ich mir zwischen zwei Patienten immer mal den Schweiß mit einem Handtuch von Stirn und anderen Körperteilen abwischen musste. 
wartende Patienten vor der clinica
Ein heftiges Gewitter am Nachmittag brachte allerdings nicht nur die ersehnte Abkühlung, sondern auch einen totalen Stromausfall im Dorf. Die clinica hat für diese, wohl nicht so seltenen Fälle ein Notstromaggregat, was praktischerweise auch die Residencia versorgt. Weil der Chirurg noch eine länger OP hatte, für die noch Strom dasein musste, hatten wir im Haus auch Licht, während drumherum alles finster war. Gegen neun kam der Strom dann wieder.
Mittwoch, 20.11.2019
Nach dem großen Ansturm in der Praxis am gestrigen Tag war es heute ganz ruhig. Wir hatten nur bis Mittag zu tun. Während ich Patienten behandelte, machte sich Sonja daran, im zweiten Behandlungszimmer aufzuräumen. Das Zimmer ist auch mit einer Behandlungseinheit ausgestattet, die aber vorwiegend für Zahnreinigungen benutzt wird. Zur Zeit ist allerdings das Ultraschallgerät kaputt. Es befindet sich schon seit mehreren Monaten zur Reparatur in einer Werkstatt in Zamora. Das bedeutet, es wird bei den Patienten momentan kein Zahnstein weggemacht. In dem Zimmer werden in diversen Schubladen Arbeitsutensilien aufbewahrt, von deren Existenz Lida keine Ahnung hat. Ungeordnet liegt hier mal zwischen Zangen und Hebeln, die man zum Zähneziehen braucht, eine Packung nagelneue Sonden, Wurzelkanalintrumente sind verteilt in mehreren Schubladen zwischen Küretten zur Zahnreinigung, Spritzen und Kanülen. Von einigen Instrumenten ist soviel da, dass man gut und gerne noch drei Praxen ausreichen damit versorgen könnte. Das waren sicher mal Sach-Spenden. Sonja fand dann noch massenweise Vorräte an Bohrern, denen sie sich morgen widmen wird.
Nach dem Mittagessen gingen Sonja und ich wieder laufen. Wir hatten uns ein Haus auf einem Hügel mit einem schönen Blick auf Guadalupe als Ziel auserkoren. Zunächst führte der Weg direkt durch’s Dorf, das im Grunde genommen nur aus einer Straße besteht, von der rechts und links kurze Wege abgehen, die zu den Häusern und Gehöften führen.
In jedem dritten Haus befindet sich ein kleines Lädchen, in den man Lebensmittel , wie Getränke, Süßigkeiten, manchmal auch Obst und Gemüse einkaufen kann. Man fragt sich, wie die alle überleben, man sieht da kaum Leute drin, die was kaufen würden. Sonja wurde öfter von Leuten begrüßt: ach, hallo, bist du wieder hier… das ist schön, wielange bleibst du diesmal…?
Im Dorf gibt es einen kleinen Park, eine Sporthalle, eine Kirche und ein ziemlich neues kleines Hotel, das gebaut wurde, weil Patienten, die von weiter weg in die Missionsklinik zur Behandlung kommen ( zum Beispiel zu irgendwelchen operativen Eingriffen ), dort übernachten können. Die Klinik hat den Status einer Tagesklinik, deshalb dürfen Patienten nicht über Nacht bleiben, obwohl ein paar Betten vorhanden sind. Die Hotelpreise sind hier in der Gegend nicht vergleichbar mit Quito oder gar Deutschland. Für 30,- Dollar bekommt man schon ein ansprechendes Zimmer.
In Guadalupe gibt es auch einen Friseursalon. Er heißt „Stalin“ , macht aber auch andere Frisuren. In Ecuador gibt es mitunter eigenartige Vornamen, neben Stalin auch Lenin, sogar Hitler und Mao oder Wellington.
Beim Aufstieg zu dem kleinen Häuschen auf dem Berg kamen wir tüchtig ins Schwitzen. Es war wieder sehr warm heute, die Gewitterwolken, die sich eben noch am Himmel zeigten, hatten sich verzogen und die Sonne kam heraus. Unsere Mühe wurde durch einen schönen Ausblick auf das Dorf, das Kliniksgelände und die herrliche Landschaft belohnt.
Im Anschluss gönnten wir uns dann noch eine Belohnung: wir gingen wieder zum Fluss zum Baden. Unsere alte Badestelle war diesmal schon bevölkert, so liefen wir noch ein Stück weiter und kamen an einer ganz besonderen „Brücke“ vorbei: ein Seil mit einem Metallkorb, in dem man sich auf die andere Uferseite ziehen konnte. Das mussten wir gleich mal ausprobieren!
Es erforderte ziemliche Muskelarbeit, aber es ging ganz gut.
Noch eine Kuriosität gab es heute auf dem Weg zum Fluß. Wir sahen mehrere Ameisenstraßen, und die Ameisen trugen kleine Blätter oder Teile von Blättern auf ihrem Rücken. Das sah sehr witzig aus.
Mittwoch, 20.11.2019
Inzwischen habe ich verstanden, wie das hier in der clinica läuft: wenn andere Fachärzte da sind und Spechstunde machen, zum Beispiel der Augenarzt, HNO-Arzt oder Chirurg, dann wird die Gelegenheit genutzt und gleich noch beim Zahnarzt vorbei geschaut. Das war Montag der Fall. Heute war kein Facharzt da, also wieder wenig Patienten. Mir sollte es recht sein. So konnte ich wieder mit Sonja die Gegend erkunden. Wir liefen zu einem Indianer- Dorf, so ca 2 km von Guadalupe entfernt gelegen. Dort wohnen Menschen der Shuar, einer von 13 in Ecuador lebenden Indigenas- Gruppen. Die Vorfahren der Shuar waren als berüchtigte Schrumpfkopfjäger gefürchtet. Das Dorf hat sich laut Sonja in den letzten sieben Jahren sehr gut entwickelt. Es gibt eine Schule – mit nur einem Klassenraum- , ein Kulturhaus, eine Kirche( sieht aber eher wie ein Schuppen aus) und einen Sportplatz. Die Häuser sind aus Holz oder Stein und sehen meist recht armselig aus. 
Die Shuar sind sehr reserviert und lassen sich nicht gern fotografieren. Ich dachte an die Schrumpfköpfe und verzichtete lieber auf Fotos. Heute war übrigens ein Patient in der Praxis, der zu den Kichwa-Indianern gehört. Er hätte in seinem Mund einiges zu tun gehabt, aber er sagte, heute nur ein Zahn, mehr könne er nicht bezahlen. Das war das erste mal, dass ich sowas erlebt habe.
Übrigens stimmt die Redewendung “ ein Indianer kennt keinen Schmerz“ nicht. 😉
Wir setzten unsere Wanderung fort und kamen diesmal von der anderen Seite an der “ Gondelstation“ an und setzten über den Fluss. Wir waren ja nun schon in Übung. Das Baden hatten wir uns nach diesem langen Fußmarsch in der Äquatorsonne redlich verdient. Unterwegs sammelten wir Guaven, die hier überall wachsen, als Fallobst auf. Sonja will Marmelade davon kochen. Sie sind sehr aromatisch- das wird bestimmt köstlich!

Donnerstag, 21.11.2019
Trotzdem heute kein Facharzt Sprechstunde hatte, kamen viele Patienten und ich hatte gut zu tun. Als am Nachmittag die Hitze in der Praxis unerträglich wurde, hat Lida einen Ventilator organisiert. Das schaffte ein etwas angenehmeres Raumklima.
Als letzter Patient kam ein zwölfjähriger Junge mit einem total zerstörten bleibenden Backenzahn, den ich ziehen musste. Die junge, sehr junge, Mutter saß in der Ecke und freute sich, dass der Kleine etwas Angst hatte. Das habe ich hier überhaupt nie erlebt, dass den Kindern während der Behandlung eventuell mal von den Eltern die Hand gehalten wird oder sie in dem Moment andere Zuneigung erfahren. Da müssen sie alleine durch und das machen die dann auch. Man ist gut zu den Kindern, macht aber kein Gewese. Zuerst dachte ich, dass der Kleine in Begleitung seiner Schwester gekommen wäre, so jung sah die Mutter aus. Sie war höchstens 15 Jahre älter als er. Es kommt hier oft vor, dass junge Mädchen sehr zeitig schwanger werden, mitunter schon mit dreizehn, vierzehn Jahren. In der Regel ziehen sie das Kind dann ohne den Vater auf, weil der sich verzieht. Es gibt relativ viele alleinerziehende Mütter, die in den meisten Fällen dann bei ihren Eltern wohnen, von denen sie auch unterstützt werden. In Ecuador werden viele Kinder geboren, obwohl auch hier der Trend zu weniger Kindern, besonders in den Städten, erkennbar ist. Aber hier auf dem Land gibt es noch viele kinderreiche Familien. Mariana, eine Krankenschwester in der clinica, hat zehn Kinder. Sie arbeitet 40 Stunden die Woche, oft sogar noch zusätzlich am Wochenende. Ihr Mann ist Tischler und hat eine eigene Werkstatt.
Das ist die Tischlerwerkstatt und oben das ist Francesco, der Tischler und zehnfache Vater
Gegen Mittag traf ein neuer Voluntario ein, ein Zahntechniker aus Garmisch-Partenkirchen. Er ist zum dritten mal hier in Guadalupe und war auch schon in Bolivien, einem anderen Projekt des Hilfsvereins.
Nach der Arbeit reichte die Zeit bis zum Dunkelwerden gerade, um noch baden zu gehen. Auf dem Weg zum Fluss trafen wir etliche Leute, die mit den Vorbereitungen für ein Fest, das am Wochenende beginnt und sich bis in den Dezember hinein erstrecken wird, beschäftigt waren. Es ist das Fest der Jungfrau ( Virgen) von Guadalupe, eigentlich ein kirchliches Fest, das aber offensichtlich viele weltliche Highlights hat, z.B. ein Moto-Cross-Rennen oder morgen die Wahl der Schönheitskönigin von Guadalupe. Eine Kandidatin durfte ich heute fotografieren ( rechts im Bild ).
Außerdem begegneten uns auf dem Weg zur Badestelle Kühe, die am Wegesrand grasten. Es gibt hier keine Kuhweiden mit großen Kuhherden drauf, wie bei uns in Deutschland, sondern der Bauer oder die Familie haben eins, zwei Kühe, die sie zum Weiden irgendwo in der Landschaft anpflocken. 
Manchmal trifft man auch andere Badegäste aus den Siedlungen in der Nähe des Flusses. Die Frauen und jungen Mädchen steigen einfach mit ihren Klamotten ins Wasser. Nur die kleineren Kinder und die Männer sieht man lediglich mit einer Badehose bekleidet.


Freitag, 22.11.2019
An meinem letzten Arbeitstag hier in Ecuador konnte ich heute bei gleich drei Patienten Abformungen für neue Prothesen nehmen. Der Zahntechniker Bernhard hat seine Arbeit im Zahnlabor aufgenommen und legte sich gleich ins Zeug. Leider komme ich nun nicht mehr in den Genuss, diese Arbeiten weiter zu machen.
Am frühen Nachmittag gab es ein Abschiedsessen für mich: Paella. Wellington, der Kliniksmanager, brachte einen Freund mit, der sie zubereitete. Es waren alle Angestellten der clinica da und sogar der Padre. Man dankte mir für meine Arbeit und überreichte mir eine Flasche ecuadorianischen Wein aus der Arazá- Frucht, das ist eine Art Quitte. Ich bin sehr gespannt.
Die Gespräche nach dem Essen drehten sich um esoterische Themen, um gute und schlechte Energie, um Glauben und Aberglauben. Der Zahntechniker hat’s sehr mit solchen Dingen, wie Kinesiologie, Hypnose, Energiearbeit und so weiter. In Ecuador sagt man, wenn man mit einem frischen, rohen Ei den Körper entlang der Meridiane abfährt, wird die schlechte Energie aus dem Körper genommen. In den Fällen, wo das Ei viel schlechte Energie aufnimmt, könnte es sogar sein, dass das Eiweiß denaturiert. Sonja konnte nicht glauben, dass die Menschen hier an sowas glauben und fragte jeden einzelnen und alle sagten ganz ernst: ja, klar, das ist so, das funktioniert… bis die Reihe an den Padre kam. Der sagte natürlich, nein, er würde daran nicht glauben, aber es klang nicht überzeugend und er musste dann auch gleich aufbrechen. Ich hatte den Eindruck, das Thema machte ihm Unbehagen. Wellington bestand dann drauf, die Eierei bei mir zu demonstrieren. Nach der Körperprozedur schlug er das Ei in einem mit Wasser gefüllten Glas auf. Naja, ich weiß nicht, wie sich ein Ei ohne „Vorbehandlung“ im Wasser verhält. Von daher kann ich nicht sagen, es hätte energetisch verdächtig ausgesehen. Jedenfalls wird das Ei weggeschmissen und ich lasse nun meine ganze schlechte Energie in Ecuador. Ich weiß nicht, ob das der Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe ist. 😉
Am Abend fand nun im Dorf die Wahl der Schönheitskönigin statt. Genauer gesagt wurden drei Königinnen gewählt, und zwar aus jeder hier lebenden Ethniengruppe eine: von den Shuar, von den Kichwa und von den Mestizen. Es war ein abendfüllendes Programm mit Musik und Show in der Sporthalle, die ja keine richtige Halle ist, sondern nur ein Dach über einer Bühne. Drumherum gab es viel zu essen und zu trinken. Das ganze Dorf war auf den Beinen. 


Samstag, 23.11.2019
Den letzten Tag in Guadalupe nutzte ich noch einmal, um in dem herrlichen Fluss Cumbaratza zu baden. Auf dem Weg dorthin passierten wir die kleine Siedlung Santa Isabel, die immer ganz verlassen wirkte. Heute nicht. Heute war hier der Bär los. Im Rahmen der Feierlichkeiten fand hier ein Moto-Cross statt. Es herrschte reges Treiben, es gab viele Stände, die Getränke und Kleinigkeiten zum Essen verkauften. 

Am Nachmittag hielt ich eine Siesta in der Hängematte. Die kommende Nacht wird kurz. Viertel nach drei soll es zum Flughafen in Loja gehen. Nachdem der Koffer gepackt war, saßen wir Voluntarios noch bei einem gemütlichen Abendbrot und der geschenkten Flasche Arazá- Wein ( der übrigens sehr süß war und fast in Richtung Sherry ging) zusammen, hörten City, Udo Lindenberg, Beethoven, Pachelbel, Joan Baez und Quilapayun und feierten Abschied, während draußen ein herrlicher warmer Regen niederging.
Sonntag, 24.11.2019
Das Taxi, Lidas Ehemann Messias, war fast pünktlich. Die drei Volontarios sind tatsächlich mitten in der Nacht aufgestanden um mich zu verabschieden. Messias brachte mich gut und sicher zum Flughafen nach Loja. Die kleine Propeller- Maschine startete halb acht und eine Stunde später war ich in Quito.
Im Gegensatz zum Hinflug hatte ich heute eine gute Sicht auf die Anden. Sogar der Cotopaxi präsentierte sich fast wolkenfrei. Leider saß ich auf der falschen Seite, so dass ich nur ein Foto quer durchs Flugzeug schießen konnte. So ist er nicht in seiner vollen Pracht zu sehen.
Auf dem Flughafen hatte ich nun genügend Zeit zum Frühstücken und durch die Geschäfte zu bummeln. Acht Stunden musste ich überbrücken, bis der Flug nach Amsterdam aufgerufen wurde. Es gibt nochmal eine Zwischenlandung in Guayaquil, einer Stadt an der Küste, ehe das Flugzeug über das große Meer nach Europa fliegt.
Vier Wochen in Ecuador liegen nun hinter mir. Sie waren so intensiv, dass die Erlebnisse gut für vier Monate gereicht hätten. Ich habe das Eintauchen in das Leben dieses fernen Landes sehr genossen. Es war eine Reise mit vielen interessanten Eindrücken, wunderbaren Begegnungen, schönen Naturerlebnissen, mit Staunen und Wundern, mit Fragen und nicht immer mit Antworten. Die Zeit in Südamerika wird lange nachwirken. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte, dass ich gesund geblieben bin und ein friedliches Land erlebt habe.
